Warum ich die EU richtig cool finde

, von  Christoph Streicher

Warum ich die EU richtig cool finde
Christoph Streicher betreibt einen Reisepodcast. Foto: Unsplash / Philipp Kämmerer / Unplash License

Die EU sei zu unsexy, heißt es oft. Zu bürokratisch, zu dogmatisch, zu intransparent. treffpunkteuropa.de-Autor Christoph Streicher hält dagegen: Die EU ist eigentlich ganz sexy, findet er.

Liebe Europäische Union,

nachdem wir uns nun fast 26 Jahre kennen, habe ich endlich mal Zeit für einen Liebesbrief an dich. Schreibt man so etwas heutzutage eigentlich noch? In unseren schnelllebigen Zeiten von Online-Dating heißt es ja eher „wisch und weg“. Dich kann man zum Glück mit einem Wisch nicht verschwinden lassen, nur weil du auf den ersten Blick wenig sexy wirkst. Die Liebe für dich entwickelt sich meist erst auf den zweiten oder dritten Blick.

Wenn man eine beliebige Nachrichten-App öffnet, sieht man, wie sich andere Staaten mit vollem Elan die Köpfe einschlagen. Da wird mal eben über das Nachbarland hergefallen, um die eigenen Interessen zu verteidigen. Bei dir ist so etwas unvorstellbar: Seit 30 Jahren hat es keinen Krieg zwischen EU-Mitgliedern mehr gegeben. Unsere Großväter lernten andere Länder meist nur aus den Schützengräben kennen, in denen sie lagen. Heute gibt es das Erasmus-Programm.

Du unterstützt Student*innen, damit sie für eine bestimmte Zeit in einem anderen Land studieren, mit deinem Taschengeld verrückte Erasmus-Partys feiern und dort Freundschaften fürs Leben finden. So war es auch bei mir: Dank deiner Hilfe ging es nach Lissabon. Andere Freund*innen zog es nach Finnland, Italien oder Frankreich. Zurück in Deutschland waren wir uns alle einig: Das war einmalig. Damit hatten wir Recht, denn wo sonst auf der Welt gibt es einen solchen gelebten Austausch?

In den Semesterferien ging es weiter. Mit dem Interrail-Ticket per Zug quer durch Europa. Unser Baguette am Strand in Südfrankreich konnten wir ebenso mit dem Euro bezahlen wie den Eintritt ins Colosseum in Rom. Auch beim Zugticket bist du inzwischen großzügig geworden und lädst viele tausend Jugendliche dazu ein, gratis dieses Angebot zu nutzen.

Aber zurück zum Thema Frieden: Mit deinem Interrail-Ticket kommt man übrigens sehr gut nach Kattowitz in Polen. Vor rund 70 Jahren kamen dort in der Region ebenfalls viele Züge an. Einen Rückfahrschein hatte keiner der Reisenden: Unzählige Menschen kamen im Konzentrationslager Auschwitz um ihr Leben. Dass dort heute eine Gedenkstätte steht, die diese Zeit aufarbeitet, ist noch eine deiner Errungenschaften: Mir und den vielen Besucher*innen hat Auschwitz eindrücklich klar gemacht , dass Länder, die eine furchtbare Geschichte, die unzählige Tote gefordert hat, und langjährige Feindschaft teilen, inzwischen kooperieren können. Heute gibt es im ehemaligen Konzentrationslager Führungen in allen Sprachen der Welt, damit auch jede*r versteht, warum du so wichtig für uns bist.

Ich weiß, du hast in der nächsten Zeit viel zu tun: Durch einen Präsidenten auf der anderen Seite des Atlantiks, dessen Politik oft unerklärlich erscheint, die Konkurrenz aus China, das unklare Verhältnis zum afrikanischen Kontinent und Konflikte von der Ukraine bis nach Libyen – Du hast gerade sicher kein ganz ruhiges Leben. Nationalist*innen kämpfen gegen Globalist*innen, Autoritäre gegen Liberale, Vertreter*innen geschlossener Gesellschaften gegen die Weltoffenen.

Ich bin durch dich zum Glück auf der Seite der Weltoffenen gelandet: Durch meine vergangenen Reisen und meinen Wohnsitz in Barcelona weiß ich erst richtig zu schätzen, was ich an dir habe. Ich bekomme meinen Lohn in Euro, ich muss keine Grenzkontrolle über mich ergehen lassen, wenn ich nach Deutschland reise, und mit meinem Handy habe ich auch in der alten Heimat Empfang - Kleinigkeiten, die ein großes Ganzes entstehen lassen.

Also bleib so, wie du bist: Modern, weltoffen, cool und irgendwie doch ziemlich sexy. Lass dich nicht auf eine Seite ziehen und auch von den anstehenden Europawahlen nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Das mindeste, was ich für dich tun kann, ist wählen gehen. Und von diesem Recht sollten wir am 26. Mai alle Gebrauch machen - damit Europa so sexy bleibt, wie es ist.

Dein Christoph


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Der Reisepodcast zu den Europawahlen:


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